„Gut beraten statt außer Kontrolle geraten“

28.10.2013 | Keine Kommentare

So lautet der Slogan des vor kurzem gegründeten Vereins „Männernotruf Steiermark“, der Männern und männlichen Jugendlichen Soforthilfe in Konflikt-, Krisen- und Gewaltsituationen bietet. Als erste Anlaufstelle stellt der Verein nach Entschärfung der akuten Situation bei Bedarf eine Verbindung zu therapeutischen, psychosozialen und anderen öffentlichen Einrichtungen her.

Der Gründung des „Männernotrufs Steiermark“ ging eine fachliche Aufbereitung mit verschiedenen Experten voraus. Zurzeit sind 32 entsprechend ausgebildete Männer aus den verschiedensten Berufen als ehrenamtliche Ansprechpartner für den Verein tätig.

Laut der Presseinformation vom 21. Oktober haben mehrere Fakten zur Idee des Männernotrufs geführt:

· Bei einer vor kurzem veröffentlichten Studie fühlt sich jeder zweite Mann den Anforderungen nicht gewachsen.

· Steigende Zahlen bei Bedrohungen von Leib und Leben in Beziehungen mit fatalem Ende – 90% der Gewalttaten werden von Männern verübt.

· Rückmeldungen von Betroffenen nach der Tat, denen im entscheidenden Moment ein Ansprechpartner fehlte.

· Beratungsstellen können nur zu den allgemeinen Dienstzeiten in Anspruch genommen  werden.

· Es gibt sehr viele Hilfeangebote für Frauen, aber im Vergleich dazu nur sehr wenige Beratungseinrichtungen für Männer.

· Erwachsene Männer können sich in Krisensituationen schwer ausdrücken und neigen in spezifischen Situationen zu Konfliktverdrängungen oder zu Konfliktlösungsversuchen durch äußere Gewaltanwendung.

· Das traditionelle Bild vom starken, auf Erfolg und Leistung getrimmten Mann verhindert oft, dass sich Männer bei Problemen Hilfe von außen holen.

· Angesichts der weggebrochenen Rollensicherheit und des hohen Erwartungsdrucks fehlt es heute vielen Männern an Orientierung und entsprechend an Selbstwertgefühl.

· Männer beschäftigen sich (zu) lange alleine mit ihren Problemen, ehe sie sich einer Fachperson anvertrauen.

· Die Zahlen von Männerberatungsstellen zeigen, dass die Bereitschaft von Männern, Hilfe anzunehmen, wächst.

· Männer haben oft Fragen, die sie bevorzugt mit einem Mann besprechen möchten.

· In der österreichischen Suizidstatistik ist der Männeranteil viermal höher als der Frauenanteil.

Unter der Nummer 0800 246 247 steht seit 21. Oktober ein 24-Stunden-Notruf zur Verfügung. Zweck ist eine Erstberatung in der Krise und zuzuhören, um die Situation zu entschärfen sowie die Ermutigung, Kontaktstellen in Anspruch zu nehmen, die weitere Unterstützung anbieten.

Der „Männernotruf Steiermark“ möchte dazu beitragen, Gewalt in der Familie zu verhindern, indem ein Mann sich rechtzeitig Hilfe holen und ein gutes Angebot bekommen kann, um Konflikte anders als mit Gewaltanwendung zu lösen.

Darüber hinaus können sich Männer in Krisensituationen mit ihren Problemen verschiedenster Art, die sie nicht alleine lösen können, an den Männernotruf wenden. Viele Männer fühlen sich den geänderten Rollenerwartungen nicht mehr gewachsen und geraten dadurch vermehrt in scheinbar ausweglose Situationen. Auch in diesen Fällen versucht der Männernotruf, gemeinsam Lösungen zu finden.

(Aus der Pressemitteilung des Männernotrufs Steiermark vom 21.10.2013)

In erster Linie versucht der Männernotruf Steiermark, potentielle Gewalttäter zu erreichen und zu motivieren, sich Hilfe zu holen anstatt gewalttätig zu werden. Damit berührt dieser Verein das Thema der Täter, die gleichzeitig auch Menschen in Not sind. Die Täter in die Verantwortung zu nehmen bleibt dabei ebenso unbestritten wie Schutz und Hilfe für die Opfer, aber das Schwarz-Weiß-Denken wird aufgeweicht: der Gewalttäter ist nicht nur ein „böser Mensch“, der bestraft werden muss, sondern auch hilfebedürftiger Mensch in einer Notlage.

Der Männernotruf Steiermark stellt ein weiteres Hilfsangebot von Männern für Männer dar. Er ist angetreten, um Männern möglichst unmittelbar in Krisensituationen den Zugang zu Hilfe zu erleichtern. Es ist zu wünschen, dass Männer dieses Angebot auch annehmen werden eine Kultur des sich helfen Lassens entwickeln, für sich und in der Gesellschaft.

Dass dieses Angebot ehrenamtlich organisiert ist, ist bedauerlich und macht einmal mehr deutlich, dass hier großer gesellschaftlicher Aufholbedarf besteht. Wie wäre es wohl, wenn Angebote wie der Männernotruf gleich etabliert wären wie beispielsweise die Bundesliga? Wenn Männer sich in ähnlicher Weise rechtfertigen müssten, sich nicht Hilfe geholt zu haben, wie das Spiel nicht gesehen zu haben?

Bernhard K. Fuchs

www.vordermann.at

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